Von Günsel, Hahnenfuß und Wiesenknopf

Alle natürlichen Lebensprozesse setzen ein artenreiches Ökosystem voraus, auch unsere eigene Lebensgrundlage wird durch die biologische Vielfalt gewährleistet. Was diese Binsenweisheit mit den Grünflächen Bad Nauheims zu tun hat, konnten die 16 Teilnehmer eines Frühlingsspaziergangs am letzten Freitagabend im Mai erleben.

Der Biologe Dr. Stefan Nawrath, der sich seit mehr als 30 Jahren mit der Ökologie von Wiesen beschäftigt, stellte drei Grünflächen vor, die durch unterschiedliche Bewirtschaftung ihre jeweils eigene Artenvielfalt entwickelt haben. Nawrath erläuterte die biologischen Zusammenhänge und wies auf die für Insekten wertgebenden Pflanzenarten hin.

Die Park-Wiesen zwischen dem oberen Teichhaus und der Alten Gärtnerei haben sich in der Vergangenheit zu außergewöhnlichen Blumenwiesen zurück- – oder besser gesagt – weiterentwickelt. Die historischen Wiesen, deren Pflanzenzusammensetzung wahrscheinlich schon zu Zeiten des Parkschöpfers Siesmayer gleich war, zählten sie zu den artenreichsten Grünflächen Bad Nauheims. Nach Jahren zu häufiger Mahd sind sie heute ein gutes Beispiel, wie mit reduzierter Bewirtschaftung die Pflanzen aussamen und so wieder zur Blüte gelangen können. Durch ein „Weniger“ kann damit mehr für die Natur erreicht werden.

Wer bei der Anlage hochwertiger Wiesen diesem Prozess durch Nachsaat auf die Sprünge helfen will, sollte nur Wildsaatgut spezieller Hersteller verwenden. Die „Blumenwiesen“ aus Bau- und Gartenmärkten bestehen vorwiegend aus nicht einheimischen Pflanzenarten und sind für die Anlage insektennützlicher Blühflächen weniger geeignet. 

Ein anderes Bild zeigt die Grünfläche zwischen der Zufahrt zu den Rehakliniken am Kaiserberg und dem Donnersgraben. Trotz des kühlen Maiwetters steht das Gras schon hoch, an den Ränder haben sich Brennnesseln angesiedelt und nur wenige weiße Blüten unterbrechen das dunkle Grün. Diese Wiese wurde viele Jahre mithilfe eines Mulchmähers geschnitten, bei dem das Gras inklusive aller Lebewesen von den rotierenden Messern fein zerhäckselt wieder in die Grasnarbe gelangt. Durch das Nährstoff-Überangebot setzen sich die am schnellsten wachsenden Grasarten durch und verdrängen alle anderen Wiesenpflanzen. Ergebnis ist eine artenarme, ökologisch eher wertlose Grünfläche, die Jahre einer reduzierten Bewirtschaftung mit Abfuhr des Mähguts benötigt, um wieder zu erblühen.

Die Salbei-Glatthaferwiese, in Deutschland einst weit verbreitet, zählt zu den am stärksten gefährdeten Magerwiesen. Die Skiwiese ist ein typischer Vertreter dieser Art, auf der neben dem namensgebenden Wiesensalbei und Glatthafer unter anderem Aufrechte Trespe, Wiesenknopf, Kriechender Günsel, Hahnenfuß und verschiedene Kleearten wachsen. Es wimmelt von Wildbienen und der Boden ist besiedelt mit Käfern, Würmern sowie anderen Kleintieren.

Die Skiwiese ist – als Teil der Bad Nauheimer Waldanlagen – ein Kulturdenkmal und wird seit 2018 durch das Bad Nauheimer Wald-Parkpflegewerk besonders geschützt. Die Vielfalt an Pflanzen und Insekten hat in den letzten Jahren sichtbar zugenommen. Trotzdem gibt es Verbesserungsbedarf: Dem Wald-Parkpflegewerk – und der historischen Nutzung – folgend, wäre ein kompletter Verzicht auf Düngung notwendig.

Die grundsätzlich positive Entwicklung der Wiese oberhalb des Teichhauses und der Skiwiese hat gezeigt, dass die menschengemachte Schädigung der Lebensräume für Pflanzen und Tiere umkehrbar ist. Wie bei allen natürlichen Vorgängen gilt aber auch hier, dass einer schnellen Zerstörung ein langdauernder Erholungsprozess folgt, der viel Geduld, Konsequenz, Aufmerksamkeit und Frustrationstoleranz erfordert.

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